Wenn ein englisches Wort mit ob-, oc-, of-, op- (oder or-) beginnt und die Betonung auf der nächsten Silbe liegt, klingt dieses erste o weder wie das o in „offen“ noch wie in „Ofen“. Es ist ein Schwa /ə/, ein winziger, entspannter Laut wie das e am Ende von „bitte“: occur /əˈkɝ/, offend /əˈfɛnd/, official /əˈfɪʃəl/, opinion /əˈpɪnjən/. Trägt das o dagegen selbst die Betonung, öffnet es sich zu einem vollen Vokal: /ɑ/ wie in opposite /ˈɑpəzɪt/ und object /ˈɑbdʒɪkt/, oder /ɔ/ wie in office /ˈɔfɪs/ bei vielen Amerikanern.
Für Deutschsprachige ist das eine typische Falle, denn im Deutschen sagt man offiziell, Objekt, Opposition, Okkupation mit einem klaren o. Wer dieses o ins Englische mitnimmt („o-FI-schel“), wird zwar verstanden, klingt aber schwer und fremd, und die eigentlich betonte Silbe verliert ihre Kraft. Das amerikanische Ohr achtet genau auf diesen Kontrast zwischen einer starken Silbe und schwachen Nachbarn.
Die gute Nachricht: Wortfamilien machen die Regel sichtbar. Office und official sind fast dasselbe Wort mit verschobener Betonung, und man hört, wie das o von „AW“ zu einem kurzen Schwa wird.
Die Regel in Kürze
- Unbetontes ob-, oc-, of-, op-, or- direkt vor der Betonung = /ə/. obtain /əbˈteɪn/, occur /əˈkɝ/, offend /əˈfɛnd/, oppose /əˈpoʊz/, original /əˈrɪdʒənəl/.
- Betontes o = voller Vokal. Meist /ɑ/, ein offenes, langes „a“ wie in „Vater“ (object, obvious, opposite, opera); oft /ɔ/ vor f und r (office, offer, origin).
- Nebenbetonung behält den vollen Vokal. Steht ob- oder op- zwei Silben vor der Hauptbetonung, bekommt es einen leichten Schlag und bleibt /ɑ/: obligation /ˌɑblɪˈɡeɪʃən/, observation /ˌɑbzɚˈveɪʃən/.
- Offene Silben sind weicher. Folgt auf das o nur ein Konsonant und dann ein Vokal (o-bey, o-mit), bleibt oft ein leichtes /oʊ/, auch ohne Betonung.
Warum das so ist
Englisch reduziert alles Unbetonte
Das Deutsche kennt das Prinzip schon: In „bitte“ oder „Gabe“ wird das unbetonte e zum Schwa. Das Englische geht aber viel weiter und reduziert fast jeden unbetonten Vokal, auch am Wortanfang. Betonte Silben sind lang und deutlich, unbetonte werden zusammengedrückt. Ein o vor der Betonung hat kaum Zeit, also macht der Mund das Minimum: Kiefer fast geschlossen, Lippen neutral, Zunge in der Mitte. Das ist /ə/.
Es sind lateinische Präfixe
Occur, offend, oppose und obtain kommen vom lateinischen ob- („gegen, entgegen“), genau wie Opposition oder Obstruktion. Das b hat sich an den folgenden Konsonanten angeglichen: ob + cur ergibt occur, ob + fend ergibt offend, ob + pose ergibt oppose; daher die Doppelkonsonanten. Das Präfix ist nicht der wichtige Teil des Wortes, also lässt das Englische es schwach und betont den Stamm. Dasselbe passiert bei con- und com-, wie wir in der Regel zum Präfix con- und com- erklären.
Suffixe verschieben die Betonung, das o folgt
Der Vokal hängt nicht am Buchstaben, sondern an der Betonung. Suffixe wie -ial, -al, -ation und -ion verschieben die Betonung, und das o ändert sich mit: OFfice wird zu ofFIcial, ORigin zu oRIGinal, opPOSE zu OPposite.
/ɑ/ oder /ɔ/?
Das kurze betonte o im amerikanischen Englisch ist meist /ɑ/, der Vokal von hot und lot: ein offenes, gedehntes „a“, weit hinten im Mund, ohne Lippenrundung. Vor f, s, th und r verwenden viele Amerikaner ein runderes /ɔ/ (office, offer, origin), ähnlich dem o in „Sport“, aber länger. In großen Teilen der USA sind die beiden Vokale zusammengefallen, also sind „AH-fis“ und „AW-fis“ beide normal. Wichtig ist nur, dass der Vokal voll und betont ist.
Mustertabelle: Wortfamilien
Lies jede Zeile laut. Linke Spalte: Das o ist schwach. Mittlere Spalte: Das o ist stark.
| Schwa /ə/ (unbetont) | Voller Vokal (betont) | Was sich ändert |
|---|---|---|
| oppose /əˈpoʊz/ | opposite /ˈɑpəzɪt/ | Die Betonung wandert in opposite auf das o. |
| official /əˈfɪʃəl/ | office /ˈɔfɪs/ | Das Suffix -ial zieht die Betonung auf fi. |
| original /əˈrɪdʒənəl/ | origin /ˈɔrədʒɪn/ | -al schiebt die Betonung eine Silbe nach rechts. |
| oblige /əˈblaɪdʒ/ | obligation /ˌɑblɪˈɡeɪʃən/ | ob- bekommt eine Nebenbetonung. |
| observe /əbˈzɝv/ | observation /ˌɑbzɚˈveɪʃən/ | ob- bekommt eine Nebenbetonung. |
| object (Verb) /əbˈdʒɛkt/ | object (Nomen) /ˈɑbdʒɪkt/ | Nomen vorne betont, Verb hinten. |
| offend /əˈfɛnd/ | offense (Sport) /ˈɔfɛns/ | Im US-Sport verschiebt sich die Betonung. |
| occur /əˈkɝ/ | occupy /ˈɑkjəˌpaɪ/ | Gleiche Schreibung oc-, andere Betonung. |
Ausnahmen
Offene Silben behalten oft /oʊ/
Folgt auf das o nur ein einzelner Konsonant und dann ein Vokal, bildet das o eine eigene, offene Silbe (o-bey, o-mit). Hier hört man oft ein kurzes, leichtes /oʊ/: obey /oʊˈbeɪ/ (auch /əˈbeɪ/), omit /oʊˈmɪt/, opaque /oʊˈpeɪk/, obese /oʊˈbis/, oasis /oʊˈeɪsɪs/. In okay /ˌoʊˈkeɪ/ trägt das o sogar eine Nebenbetonung. Am zuverlässigsten reduziert werden die Wörter mit geschlossener Silbe (occur, offend).
Offense hat zwei Betonungen
Im Alltag heißt „Don't take offense“ /əˈfɛns/. Im amerikanischen Sport ist die angreifende Mannschaft in der OFfense, /ˈɔfɛns/, im Kontrast zur DEfense. Gleiches Wort, andere Betonung, anderer erster Vokal.
Das Wort „of“
Das kleine Wort of ist kein Präfix, folgt aber derselben Logik: In „a cup of tea“ ist es schwach, /əv/, oder sogar nur /ə/. Nur betont oder am Satzende klingt es /ʌv/. Mehr dazu in den drei Aussprachen von „of“.
o'clock
Kein lateinisches Präfix („of the clock“), aber es verhält sich genauso: o'clock /əˈklɑk/.
Typische Fehler deutschsprachiger Lerner
- Das deutsche o behalten. „o-KÖR“ oder „o-FEND“ statt eines kurzen Schwa. Im Englischen ist das o im Präfix kürzer und schwächer als jeder andere Vokal im Wort.
- Die deutsche Betonung übernehmen. Deutsch betont offiziell, Objekt, Opposition oft hinten oder anders. Official wird auf „fi“ betont, opinion auf „pin“, und das Nomen object vorne: AHB-dschikt.
- Einen Knacklaut einfügen. Deutschsprachige setzen vor Vokale am Wortanfang gern einen harten Glottisschlag („|o-ffend“). Im Englischen gleitet man weich in den Schwa hinein, vor allem mitten im Satz: „to offend“ klingt wie „tuh-uh-FEND“.
- Ein Familienmitglied auf das andere übertragen. Wer „office“ sicher kann, sagt manchmal „AW-fi-schel“ für official, oder „uh-POUS-it“ für opposite. Jede Form hat ihre eigene Betonung.
- Ein betontes o reduzieren. Der umgekehrte Fehler: „uh-PUH-sit“ oder „ub-VIOUS“. Ist das o betont, Kiefer öffnen: AH-puh-sit, AHB-vi-us.
- Auslautverhärtung im Präfix. In observe oder obvious wird das b manchmal zu p. Halte es stimmhaft: /əbˈzɝv/, /ˈɑbviəs/.
So übst du
- Zuerst die Betonung finden. Klatsche auf die stärkste Silbe: oc-CUR, of-FI-cial, OP-po-site. Liegt der Klatscher nicht auf dem o, wird das o zum Schwa.
- Den Schwa allein üben. Kiefer locker, Mund nur leicht offen, Lippen neutral (nicht gerundet). Ein kurzes, dumpfes „e“ wie am Ende von „bitte“, dann sofort weiter.
- Familien paarweise sprechen. office / official, origin / original, oppose / opposite, oblige / obligation. Spüre, wie der Kiefer beim betonten o fällt und beim unbetonten fast geschlossen bleibt.
- Präfix ins Wort schmelzen lassen. Sag schnell „a cur“ und dann „occur“; „a fend“ und dann „offend“; „a pinion“ und dann „opinion“. Es klingt fast gleich.
- Das Nomen-Verb-Paar nutzen. „That object is heavy. I object to that.“ Am Anfang übertreiben, dann natürlich machen.
- Dich selbst aufnehmen. Lies die Sätze unten und hör genau hin: Klingt das erste o in official wie das a in „about“? So soll es sein.
Übung
Übungssätze
- The official said the office opens at nine o'clock.
- In my opinion, the opposite answer is more obvious.
- Many people oppose the plan, but the opposition is small.
- I object to that object being in the office.
- The original idea has an unusual origin.
- Problems occur when we occupy the room too long.
- Please observe the rules; careful observation helps.
- I didn't mean to offend you, and I'm sorry for the offense.
Kurze Zusammenfassung
- Unbetontes ob-, oc-, of-, op-, or- vor der Betonung klingt wie Schwa /ə/: occur, offend, official, opinion.
- Betontes o ist ein voller Vokal: /ɑ/ (object, obvious, opposite) oder /ɔ/ (office, offer, origin).
- Wortfamilien zeigen den Wechsel: office / official, origin / original, oppose / opposite.
- Nebenbetonung behält den vollen Vokal: obligation, observation, occupation.
- In offenen Silben (obey, omit, opaque) ist ein leichtes /oʊ/ üblich.
- Kein deutsches o, kein Knacklaut: erst die betonte Silbe finden, dann den Rest entspannen.