Sie sind bei der dritten Folie eines Projektupdates. Auf dem Bildschirm steht: Ship the beta to internal teams (e.g., support, sales) by Friday, i.e., before the code freeze. Sie lesen den Punkt genau so vor, wie er dasteht, Buchstabe für Buchstabe, und die Stimmung im Raum kippt kurz. Jemand bittet Sie, die zweite Hälfte zu wiederholen.
An Ihrer Grammatik lag es nicht. An Ihren Vokalen auch nicht. Das Problem ist, dass Sie eine Schreibkonvention gelesen haben, als wäre sie gesprochene Sprache. Englische Texte stecken voller Abkürzungen, die mittelalterliche Schreiber erfunden haben, um Tinte zu sparen, und fast keine davon soll in der Form aus Ihrem Mund kommen, in der sie auf dem Papier steht.
Die Regel
Im gesprochenen amerikanischen Englisch werden die meisten lateinischen Abkürzungen als ihre englische Bedeutung gelesen, nicht als Buchstaben und nicht auf Latein.
Sie sehen e.g. und sagen for example. Sie sehen i.e. und sagen that is. Sie sehen cf. und sagen compare. Vier Zeichen auf dem Papier werden zu zwei ganz gewöhnlichen englischen Wörtern in der Luft. Die geschriebene Form ist eine Schreiberabkürzung; die gesprochene Sprache hat ihre eigene Fassung, und die beiden mussten nie übereinstimmen.
Eine kurze Liste bricht diese Regel, und eine noch kürzere behält ihr Latein. Beide stehen weiter unten und beide lernt man an einem Nachmittag. Wenn Sie aber nur die Grundregel anwenden, klingen Sie schon fast immer natürlich.
Warum Deutschsprachige hier im Vorteil sind
Das Deutsche macht bereits genau dasselbe. z.B. liest man zum Beispiel, nicht zett bee. d.h. liest man das heißt, nicht dee ha. u.a. wird zu unter anderem. Das ist exakt die englische Gewohnheit: Abkürzung im Auge, volle Wendung im Mund. Ihr Instinkt stimmt also bereits, Sie müssen ihn nur auf die englischen Zeichen übertragen.
Zwei Dinge bleiben trotzdem schwierig. Erstens die Aussprache von et cetera. Im Deutschen sagen Sie und so weiter und lesen etc. selten laut; wenn doch, kommt oft ein deutsches Lautbild heraus, mit gespanntem Vokal und deutlichem R am Ende. Die englische Form ist /ɛt ˈsɛtərə/, mit lockeren Vokalen und einer letzten Silbe, die zum Schwa zusammenschrumpft.
Zweitens das System a.m. und p.m. selbst. Deutschland rechnet in 24 Stunden, also müssen Sie vierzehn Uhr dreißig erst in two thirty p.m. umrechnen, bevor Sie überhaupt an die Betonung denken. Genau in dieser Rechenpause bricht der Satzrhythmus zusammen. Historisch übrigens derselbe Ursprung wie im Deutschen: Schreiber kürzten exempli gratia zu e.g. und id est zu i.e., um Pergament zu sparen, nicht um es auszusprechen.
Gruppe eins: die englische Bedeutung sagen
Hier verlassen die Buchstaben Ihren Mund im Alltag und im Beruf so gut wie nie.
- e.g. wird zu for example /fɚ ɪɡˈzæmpəl/. Buchstabiert als ee-jee /ˌi ˈdʒi/ kommt vor, klingt außerhalb der Wissenschaft aber papieren.
- i.e. wird zu that is /ˈðæt ɪz/ oder in other words /ɪn ˈʌðɚ ˌwɝdz/. Niemals ee-eye; die Reihenfolge ist I, dann E, und das Vertauschen ist ein häufiger Fehler.
- viz. wird zu namely /ˈneɪmli/. Die Buchstaben sagt praktisch niemand.
- cf. wird zu compare /kəmˈpɛr/ oder see /si/.
- N.B. wird zu note that /ˈnoʊt ðæt/ oder please note /pliz ˈnoʊt/.
- c. oder ca. wird zu around /əˈraʊnd/ oder about /əˈbaʊt/. Ein geschriebenes c. 1650 spricht man als around sixteen fifty.
Alle haben etwas gemeinsam: Jede steht für eine ganze Wendung, und jede Wendung hat ein schlichtes englisches Gegenstück, das reibungslos in den Satz passt. Die gesprochene Sprache bevorzugt die Wendung.
Gruppe zwei: die Buchstaben sagen
Eine Handvoll Abkürzungen ging den umgekehrten Weg und wurde im Sprechen zu echten Buchstabennamen. Niemand löst sie auf.
- a.m. /ˌeɪ ˈɛm/ und p.m. /ˌpi ˈɛm/, immer, mit der Betonung auf dem zweiten Buchstaben. Ante meridiem in einer Besprechung wäre reine Theatralik.
- P.S. /ˌpi ˈɛs/ am Ende einer Nachricht.
- AD /ˌeɪ ˈdi/ und BC /ˌbi ˈsi/ bei Jahreszahlen. BC immer als Buchstaben; AD ebenfalls, obwohl es aus einer lateinischen Wendung stammt.
- a.k.a. /ˌeɪ keɪ ˈeɪ/, drei Buchstabennamen hintereinander, Betonung auf dem letzten.
Sie teilen eine andere Eigenschaft: Sie hängen an Zahlen oder Namen, nicht an Teilsätzen, also gibt es keine natürliche Wendung, die man einsetzen könnte. Nine ante meridiem hat keinen Rhythmus. Nine a.m. schon.
Gruppe drei: als englisches Wort sprechen
Ein paar Abkürzungen haben ihr Latein behalten, aber dieses Latein ist vollständig anglisiert; Sie sprechen also in Wirklichkeit ein englisches Wort.
- etc. spricht man voll aus, et cetera /ɛt ˈsɛtərə/. Die Buchstaben sagt man nie, und and etc. sagt man nie, weil das et bereits and bedeutet.
- et al. ist /ɛt ˈæl/ oder /ɛt ˈɑl/, im akademischen Sprechen bei mehreren Autoren sehr verbreitet.
- vs. ist versus /ˈvɝsəs/. In juristischen Zitaten liest man das geschriebene v. oft einfach als v /vi/, wie in Brown v Board.
Die vollständige Liste
| Abkürzung | Steht für | So spricht man es | IPA | Register |
|---|---|---|---|---|
| e.g. | exempli gratia | for example | /fɚ ɪɡˈzæmpəl/ | Überall passend; Buchstaben nur akademisch |
| i.e. | id est | that is / in other words | /ˈðæt ɪz/ | Überall passend; Buchstaben klingen ähnlich |
| viz. | videlicet | namely | /ˈneɪmli/ | Schriftform förmlich, Sprechform neutral |
| cf. | confer | compare / see | /kəmˈpɛr/ | Fachtext; laut auf Englisch sagen |
| N.B. | nota bene | note that | /ˈnoʊt ðæt/ | Buchstabiert wirkt es steif |
| c. / ca. | circa | around / about | /əˈraʊnd/ | Neutral; circa klingt förmlich |
| etc. | et cetera | et cetera | /ɛt ˈsɛtərə/ | In jedem Register neutral |
| et al. | et alii | et al | /ɛt ˈæl/ | Akademisches und berufliches Sprechen |
| vs. / v. | versus | versus (juristisch: v) | /ˈvɝsəs/ | Neutral; v nur bei Fallnamen |
| a.k.a. | also known as | ay kay ay | /ˌeɪ keɪ ˈeɪ/ | Umgangssprachlich bis neutral |
| a.m. / p.m. | ante / post meridiem | ay em / pee em | /ˌeɪ ˈɛm/, /ˌpi ˈɛm/ | Immer Buchstaben, in jedem Register |
| P.S. | post scriptum | pee ess | /ˌpi ˈɛs/ | Immer Buchstaben |
| AD / BC | anno Domini / before Christ | ay dee / bee see | /ˌeɪ ˈdi/, /ˌbi ˈsi/ | Immer Buchstaben |
Vier Fallen zum Üben
1. Es heißt et cetera, nicht excetera
Der häufigste Fehler der ganzen Gruppe. Es schleicht sich ein /k/ ein, das es nicht gibt, und heraus kommt ek-cetera. In dem Wort steckt kein x. Die Konsonantenverbindung in der Mitte ist /t s/: Die Zungenspitze schließt für das /t/ und löst sich direkt in das Zischen des /s/, ohne dass der Zungenrücken irgendwo Kontakt hat. Die erste Silbe ist /ɛt/, mit dem Vokal von bet, nicht dem von eat. Sprechen Sie es zuerst in vier Schlägen, /ɛt ˈsɛ tə rə/, und lassen Sie dann die letzten beiden zu einem schnellen /tərə/ verschmelzen. Viele reduzieren noch weiter zu /ɛt ˈsɛtrə/, was völlig standardsprachlich ist.
2. a.m. und p.m. werden auf dem zweiten Buchstaben betont
Es sind /ˌeɪ ˈɛm/ und /ˌpi ˈɛm/, mit dem Hauptschlag auf dem M. Zwei gleich stark betonte Buchstaben klingen mechanisch. Außerdem binden sie sich eng an die Zahl davor: nine a.m. ist /naɪn eɪ ˈɛm/, eine einzige rhythmische Einheit, ohne Pause vor den Buchstaben. Üben Sie es, als wäre es ein einziges dreisilbiges Wort.
3. versus hat zwei verschiedene Vokale und zwei /s/-Laute
Es ist /ˈvɝsəs/. Die betonte erste Silbe trägt den r-gefärbten Vokal von her, die unbetonte zweite ein schlichtes Schwa; die beiden Vokale sind also nicht gleich, anders als beim deutschen Versus mit zwei vollen Vokalen. Beide s sind /s/, nie /z/, was das Wort von verses /ˈvɝsəz/ trennt. Und Vorsicht beim Anlaut: das v ist /v/, nicht /f/. Die Betonung liegt klar auf der ersten Silbe.
4. i.e. und e.g. klingen als Buchstaben fast gleich
Sagen Sie ee-eye und ee-jee in einer Videokonferenz, und Ihr Gegenüber muss raten, obwohl die beiden Gegenteiliges bedeuten: e.g. leitet ein Beispiel ein, i.e. eine vollständige Umformulierung. Eine Verwechslung ändert den Inhalt des Satzes. Diese Mehrdeutigkeit ist das stärkste praktische Argument dafür, die englische Bedeutung auszusprechen, und sie erklärt, warum for example und that is das reale Sprechen beherrschen.
Ausnahmen und Feinheiten
In Wissenschaft und Jura wird buchstabiert
Im Seminar, in der Jura-Vorlesung oder in der Laborbesprechung hören Sie ee-jee und ee-eye ganz selbstverständlich als Buchstaben. Das ist eine Fachkonvention, kein Fehler. Wenn die Leute um Sie herum die Buchstaben sagen, sagen Sie sie auch. Außerhalb dieser Räume kehren Sie zur englischen Wendung zurück.
Eine Aufzählung mit etc. beenden
Viele lassen die Stimme nach et cetera einfach wegtreiben, und der Satz löst sich auf. Die Lösung ist die Intonation: Geben Sie et cetera einen klaren fallenden Ton und hören Sie auf. Noch besser schließen Sie mit and so on, and things like that, oder indem Sie den letzten Punkt nennen und schweigen. Eine Aufzählung, die entschieden endet, klingt deutlich sicherer als eine, die verklingt.
Folie vorlesen gegen frei sprechen
Beim Vorlesen einer Folie tragen Sie geschriebenen Text vor, und die Versuchung ist groß, jedes Zeichen zu vertonen. Machen Sie das Gegenteil: Das Auge nimmt die Abkürzung auf, der Mund liefert die gesprochene Entsprechung. Das Publikum folgt der Bedeutung, die Buchstaben sieht es ohnehin.
Das a.m.- und p.m.-System selbst
Wer mit der 24-Stunden-Uhr aufgewachsen ist, hat über der Aussprache noch eine Rechenschicht. Vierzehn Uhr dreißig muss erst zu two thirty p.m. werden. Üben Sie die Umrechnung getrennt, sonst zögern Sie mitten im Satz und das Betonungsmuster bricht weg.
Die Übung: fünf Schritte laut
- Sagen Sie et cetera zehnmal langsam, /ɛt ˈsɛtərə/, und prüfen Sie, dass kein /k/ auftaucht. Dann in einer Aufzählung: Bring a pen, a notebook, et cetera. mit festem fallendem Ton auf der letzten Silbe.
- Sprechen Sie Uhrzeiten mit Betonung auf dem zweiten Buchstaben: nine a.m., six p.m., eleven a.m., jeweils als eine gebundene Einheit, /naɪn eɪ ˈɛm/.
- Nehmen Sie diesen geschriebenen Satz und sprechen Sie ihn: Several teams (e.g., support) miss the deadline, i.e., they file late. Sagen Sie for example und that is. Kein einziger Buchstabe.
- Stellen Sie das Paar gegenüber: versus /ˈvɝsəs/ und dann verses /ˈvɝsəz/, fünfmal. Der Unterschied liegt allein im letzten Konsonanten.
- Nehmen Sie sich beim Vorlesen eines eigenen Absatzes mit mindestens drei Abkürzungen auf. Hören Sie zurück und markieren Sie jede Stelle, an der Sie einen Buchstaben gesprochen haben. Lesen Sie erneut und ersetzen Sie jede durch ihre englische Wendung; vergleichen Sie, wie viel leichter die zweite Fassung zu verfolgen ist.
Die Abkürzung gehört auf die Seite, die Wendung gehört in den Raum. Sobald diese Trennung automatisch sitzt, bringen Sie die Formen in die verbundene Rede mit dem Aussprachetraining für Wörter und setzen Sie sie danach in ganze Sätze mit dem Satztraining.