Velare Erweichung: warum aus electric electricity wird (die c- und g-Regel)

Veröffentlicht am 16. August 2026

Sprechen Sie electric laut aus. Und jetzt electricity. Wenn dabei so etwas wie elec-TRIK-ity herausgekommen ist, haben Sie gerade einen der auffälligsten Aussprachefehler des akademischen und technischen Englisch gemacht, und Sie sind damit keineswegs allein.

Das Grundwort endet auf ein hartes /k/. In der Ableitung ist dieses /k/ vollständig verschwunden. Das ist keine Laune der englischen Rechtschreibung und nichts, was man Wort für Wort auswendig lernen müsste: Es ist eine Regel, die durch Hunderte von Wörtern läuft und die das Englische über das Französische aus dem Lateinischen geerbt hat. In der Sprachwissenschaft heißt sie velare Erweichung (velar softening).

Die Regel

Ein hartes /k/, geschrieben als c, und ein hartes /ɡ/, geschrieben als g, werden weich, sobald ein Suffix angehängt wird, das mit i, e oder y beginnt. Aus c wird /s/, aus g wird /dʒ/.

Konkret: electric /ɪˈlɛktrɪk/ plus -ity ergibt electricity /ɪlɛkˈtrɪsəti/. Der Buchstabe c steht unverändert da; nur der Laut wechselt. Genau deshalb übersieht man die Regel beim stillen Lesen so leicht.

Warum e, i und y der Auslöser sind

Das Englische folgt einer alten Schreibkonvention der lateinischen Schreiber: c und g sind weich vor e, i, y und hart vor a, o, u sowie vor Konsonanten. Sie begegnen ihr täglich:

  • Hart: cat, cot, cut, clip, cream; gap, got, gum, glad, grow
  • Weich: cell, city, cycle; gem, giant, gym

Sehen Sie sich nun die lateinischen Suffixe an, mit denen das Englische Abstrakta, Verben und Berufsbezeichnungen bildet: -ity, -ism, -ize, -ian, -ial, -ious, -ify, -ence. Alle beginnen mit i oder e. Klebt man eines davon an eine Basis auf c oder g, steht dieser Buchstabe plötzlich vor einem vorderen Vokal, und die alte Konvention greift von selbst.

Warum das für deutsche Ohren neu ist

Anders als das Spanische, Französische oder Italienische kennt das Deutsche diese Erweichung nicht. Geben, Gift, Gestern, Gitter: Das deutsche g bleibt vor e und i hart, und ein deutsches c steht meist ohnehin in ch oder ck. Sie bringen also kein Vorbild aus der Muttersprache mit, und genau darin liegt die Fehlerquelle.

Besonders tückisch sind die deutschen Parallelwörter, weil sie das harte /k/ behalten:

  • Musiker mit /k/, aber musician /mjuˈzɪʃən/ mit /ʃ/
  • Politiker mit /k/, aber politician /ˌpɑləˈtɪʃən/ mit /ʃ/
  • Techniker mit /k/, aber technician /tɛkˈnɪʃən/ mit /ʃ/
  • Kritik mit /k/, aber criticism /ˈkrɪtɪsɪzəm/ mit /s/

Immerhin: Das deutsche z in Elektrizität erinnert Sie daran, dass an dieser Stelle kein /k/ mehr steht. Nutzen Sie diese Eselsbrücke.

Vom Grundwort zur Ableitung

Lesen Sie jedes Paar von links nach rechts und achten Sie darauf, dass der Endkonsonant der Basis in der Ableitung nie überlebt.

GrundwortAbleitungWas passiert
electric /ɪˈlɛktrɪk/electricity /ɪlɛkˈtrɪsəti//k/ wird zu /s/
public /ˈpʌblɪk/publicity /pʌˈblɪsəti//k/ wird zu /s/
critic /ˈkrɪtɪk/criticism /ˈkrɪtɪsɪzəm//k/ wird zu /s/
critic /ˈkrɪtɪk/criticize /ˈkrɪtɪsaɪz//k/ wird zu /s/
medic /ˈmɛdɪk/medicine /ˈmɛdəsən//k/ wird zu /s/
authentic /əˈθɛntɪk/authenticity /ˌɔθɛnˈtɪsəti//k/ wird zu /s/
music /ˈmjuzɪk/musician /mjuˈzɪʃən//k/ wird zu /ʃ/
magic /ˈmædʒɪk/magician /məˈdʒɪʃən//k/ wird zu /ʃ/
analogue /ˈænəlɔɡ/analogy /əˈnælədʒi//ɡ/ wird zu /dʒ/
rigor /ˈrɪɡər/rigid /ˈrɪdʒɪd//ɡ/ wird zu /dʒ/
legal /ˈliɡəl/legislate /ˈlɛdʒɪsleɪt//ɡ/ wird zu /dʒ/

In mehreren dieser Paare verschiebt sich zugleich die Betonung. Aus electric wird e-lec-TRI-ci-ty, aus public wird pu-BLI-ci-ty. Erweichung und Akzentverschiebung treten gemeinsam auf, also üben Sie beides gemeinsam.

Üben Sie die erweichten Wörter

Hören Sie zu und sprechen Sie langsam nach, den weichen Konsonanten bewusst übertrieben. Ziel ist das Gefühl, dass kein /k/ und kein hartes /ɡ/ übrig bleibt.

Die Unterregel -ician: wenn aus c ein /ʃ/ wird

Ein Zweig der Regel verdient einen eigenen Abschnitt, denn er erzeugt einen Laut, mit dem kaum jemand rechnet. Trifft -ic auf -ian, entsteht nicht /s/, sondern /ʃ/, also das deutsche sch, und die Endung lautet /ʃən/:

  • music, musician /mjuˈzɪʃən/
  • politics, politician /ˌpɑləˈtɪʃən/
  • physic, physician /fəˈzɪʃən/
  • clinic, clinician /klɪˈnɪʃən/
  • technic, technician /tɛkˈnɪʃən/
  • electric, electrician /ɪˌlɛkˈtrɪʃən/
  • magic, magician /məˈdʒɪʃən/

Vergleichen Sie das mit dem klaren /s/ nach -ity, -ism und -ize: publicity, criticism, criticize, ethnicity /ɛθˈnɪsəti/, simplicity /sɪmˈplɪsəti/. Dieselbe Erweichungsregel, zwei verschiedene Ergebnisse.

Der Grund für den zusätzlichen Schritt: Im Suffix -ian steckt ein verstecktes j, und /s/ plus j verschmelzen zu /ʃ/. Derselbe Vorgang erzeugt das /ʃ/ in pressure, nation und social. Wer die Endung als Familie hört, wird von ihr nicht mehr überrascht.

Ausnahmen, die Sie kennen sollten

1. Wenn Englisch ein k einschiebt, um den harten Laut zu retten

Die Regel schafft ein Problem. Auch die alltäglichen Endungen -ed, -ing und -er beginnen mit e und i. Stünde da picnicing, müsste man nach der Schreibkonvention /ˈpɪknɪsɪŋ/ sagen, und das ist kein englisches Wort. Das Englische löst das, indem es ein k einschiebt, das den harten Laut schützt:

  • picnic, picnicking /ˈpɪknɪkɪŋ/
  • panic, panicked /ˈpænɪkt/
  • traffic, trafficking /ˈtræfɪkɪŋ/
  • mimic, mimicked /ˈmɪmɪkt/
  • frolic, frolicking; picnic, picnicker

Merksatz: Gewöhnliche grammatische Endungen behalten das harte /k/ und bekommen ein sichtbares k; gelehrte lateinische Suffixe erweichen und bekommen gar kein k.

2. skepticism ist keine Ausnahme

Viele nehmen an, skepticism behalte das /k/ von skeptic. Tut es nicht: Es heißt /ˈskɛptɪsɪzəm/, mit /s/. Dasselbe gilt für mysticism, romanticism und fanaticism. Endet das Wort auf -ism, wird erweicht.

3. Germanische Wörter behalten ihr hartes g

Die Erweichungskonvention kam mit dem lateinischen und französischen Wortschatz ins Englische. Wörter aus dem Altenglischen und Altnordischen haben diesen Vertrag nie unterschrieben und behalten hartes /ɡ/ auch vor e und i:

  • girl /ɡɜrl/, get /ɡɛt/, give /ɡɪv/, gift /ɡɪft/
  • begin /bɪˈɡɪn/, tiger /ˈtaɪɡər/, gear, geese, giggle

Für deutsche Lernende ist das die gute Nachricht: Genau diese Wörter sind mit dem Deutschen verwandt (geben, Gift, beginnen, Tiger), und Ihr Instinkt liegt dort richtig. Klingt ein Wort mit ge- oder gi- dagegen gelehrt oder französisch (gentle, giant, gesture, ginger, general, region), erwarten Sie /dʒ/. Das c ist deutlich verlässlicher: vor e, i, y fast immer weich, mit Celtic als berühmter Ausnahme.

Checkliste für den Ernstfall

  1. Sehen Sie sich die Endung an: Beginnt sie mit i, e oder y?
  2. Endet die Basis auf c oder g?
  3. Ist das Suffix lateinisch (-ity, -ism, -ize, -ial, -ious), dann erweichen: c zu /s/, g zu /dʒ/.
  4. Ist das Suffix -ian, gehen Sie einen Schritt weiter: /ʃən/.
  5. Steht ein k in der Schreibung (panicked, picnicking, trafficking), bleibt das harte /k/.
  6. Prüfen Sie vor dem Sprechen, ob der Endkonsonant des Grundworts verschwunden ist. Diese eine Kontrolle beseitigt die meisten Fehler.

Der Aufwand ist gering: Sprechen Sie Basis und Ableitung direkt hintereinander, zehn Paare pro Tag. Electric, electricity. Public, publicity. Critic, criticism. Magic, magician. Sobald Ihr Mund aufhört, das /k/ mitschleppen zu wollen, sitzt die Regel.

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