Im Englischen gibt es ein phonologisches Phänomen, das so natürlich ist, dass Muttersprachler es gar nicht bewusst wahrnehmen: Gleitlaut-Einfügung ("glide insertion"). Jedes Mal, wenn zwei Vokale direkt nacheinander aufeinander treffen, fügt das Englische automatisch einen Gleitlaut - entweder /w/ oder /j/ - zwischen ihnen ein.
Deutsche Sprecher hören das oft nicht, weil sie diese Einfügung nicht erwarten. Aber wenn man es erst einmal weiß, kann man es überall hören.
Das Phänomen: Gleitlaute trennen Vokale
Im Englischen können sich Vokale nicht direkt im selben Wort berühren. Der Grund liegt in der phonotaktischen Struktur des Englischen: Wenn zwei Vokale sehr nah beieinander sind, fügt das System automatisch einen Gleitlaut ein, um sie zu trennen.
Es gibt zwei Gleitlaute, die in dieser Funktion arbeiten:
- /w/ - Ein labiovelairer Gleitlaut. Er kommt nach hinteren oder zentralen Vokalen.
- /j/ - Ein palataler Gleitlaut. Er kommt nach vorderen Vokalen.
Die /w/-Einfügung: Nach hinteren und zentralen Vokalen
Beachten Sie in der IPA-Transkription oben: "go away" wird als /ɡoʊˈweɪ/ geschrieben, nicht als /ɡoʊæɪ/. Das "w" zwischen den Vokalen ist ein GLEITLAUT, kein separater Konsonant am Anfang von "away". Aber für Deutsche Ohren klingt es wie "guh-wuh-way".
Weitere Beispiele mit /w/-Einfügung:
- "to undo" - /tuːˈwʌndoʊ/ (nicht /tuːʌndoʊ/)
- "through each" - /θruːˈwiːtʃ/ (nicht /θruːiːtʃ/)
- "true another" - /truːəˈnʌðɚ/ - wird zu [ˈtruːwənʌðɚ]
- "flow out" - /ˈfloʊ aʊt/ - wird zu [ˈfloʊwaʊt]
Die /j/-Einfügung: Nach vorderen Vokalen
Das erste Wort "see" ist einfach /siː/. Aber "see all" wird zu /siːˈjɔːl/ - mit einem /j/-Gleitlaut dazwischen. Der Gleitlaut entsteht, um die beiden Vokale zu trennen.
Weitere Beispiele mit /j/-Einfügung:
- "be all" - /biːˈjɔːl/
- "sea air" - /ˈsiːˈjeɚ/
- "tree ends" - /ˈtriːˈjɛndz/
- "free of" - /ˈfriːˈjʌv/
- "we already" - /wiːˈjɔːlrɛdi/
Wann wird ein Gleitlaut eingefügt? Die Regel
Die Regel ist einfach, aber es gibt Kontexte zu beachten:
- Am Wort-Morphem-Ende und Anfang: Der Gleitlaut wird eingefügt zwischen Morphemen. "go away" sind zwei separate morpheme, also wird ein Gleitlaut eingefügt. Aber "poet" /ˈpoʊɪt/ ist ein Wort mit drei Silben - hier wird kein Gleitlaut eingefügt (es gibt keine Morphem-Grenze).
- Zwischen Vokal und Vokal-anfangender Partikel: "too early" - /tuːˈjɜːrli/ - wird mit /j/-Gleitlaut gesprochen.
- An Satz- und Phrasen-Grenzen: In der natürlichen Sprache können Gleitlaute auch an Satzgrenzen eingefügt werden, wenn ein Wort auf einen Vokal endet und das nächste mit einem Vokal beginnt.
Warum ist das für deutsche Sprecher verwirrend?
Deutsche Sprecher haben zwei Hauptprobleme mit Gleitlaut-Einfügung:
- Sie sehen es nicht: Im Schriftbild gibt es kein "w" oder "j" zwischen "go" und "away". Das Gehirn muss lernen, dass diese Gleitlaute trotzdem gehört werden.
- Im Deutschen passiert das nicht: Das Deutsche hat keine solche systematische Gleitlaut-Einfügung. Deutsche Muttersprachler müssen dieses Phänomen von Grund auf lernen.
Praktische Übung: Hören Sie die Gleitlaute
Der beste Weg, die Gleitlaut-Einfügung zu lernen, ist Hören und Sprechen:
- Hören Sie sorgfältig "go away" und versuchen Sie, das /w/ zu hören.
- Sprechen Sie "go" und dann sofort "away" - und Sie werden hören, dass ein /w/-ähnlicher Laut erscheint, wenn die Vokale sich treffen.
- Üben Sie langsam und übertrieben: "goooooo - WAAAAY".
- Beschleunigen Sie die Geschwindigkeit, bis es natürlich klingt.
Weitere Übungsbeispiele
Beachten Sie: In "radio" und "area" gibt es INNERHALB des Wortes Vokal-zu-Vokal-Übergänge, aber hier wird KEIN Gleitlaut eingefügt, weil wir uns INNERHALB eines Morphems befinden. Aber "go away" hat zwei separate Morpheme, also wird ein Gleitlaut eingefügt.
Essenz und Fazit
Gleitlaut-Einfügung ist ein natürliches und vorhersagbares Phänomen im Englischen. Wenn Sie diese Regel verstehen, werden Sie sehen - oder besser, hören - dass Englisch viel systematischer ist, als es auf den ersten Blick scheint. Die Gleitlaute machen die Sprache leichter auszusprechen und zu hören.